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Testbericht Tandberg Edge 95 MXP HD

PDF-Version (druckoptimiert)

Allgemein

Zeitraum: 23.11.2006 bis 01.12.2006

SW-Version: F5.2 PAL (2006-10-09)

Geräteklasse

Die Tandberg Edge 95 MXP HD (High Definition) ist eigenständig (Stand-alone) und gehört zu den Gruppen- und Raumsystemen für mittlere und kleine Konferenzen.

Lieferumfang

Das System besteht aus separatem Hardware Codec, externem Netzteil, externem Kamerakopf sowie Fernsteuerung zum Kamerakopf. Bei den Stromkabeln fällt ein umfangreiches Sortiment mit landesspezifischen Steckern auf. Die Dokumentation besteht aus einem CD-ROM Handbuch im PDF Format mit 315 Seiten in englischer Sprache (Software version F5 D13947.01 vom Juni 2006).

Bandbreiten

Das Tandberg Edge 95 MXP HD ermöglicht Videokonferenzen in H.320 über ISDN bis zu 512 kbps (4 Leitungen mit je 128 kbps) und in H.323 über IP sowie SIP bis zu 1920 kbps.

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Installation

Der Anschluss des Gerätes gestaltet sich zunächst relativ problemlos. Wer bereits mit bisherigen Tandberg Videokonferenzgeräten Erfahrung hat, findet sich schnell zurecht. Tischmikrofon und Fernbedienung sind baugleich zu früheren Systemen.

Der Codec hat keine Anzeige oder Signalisierung zu den Betriebszuständen am Netz, "Eingeschaltet", "in Verbindung" oder "Datenübertragung". Bei eventuellen Betriebsproblemen muss man daher umständlich auf der Anschlussrückseite die Zustände der Verbindungskabel überprüfen.

Neu und gewöhnungsbedürftig ist die neue Tandberg PrecisionHD Kamera mit proprietärem und steifem Verbindungskabel. Die mögliche Kaskadierung von Kamera mit zusätzlichen Netzteilen wurde nicht getestet (Daisychain support, Visca protocol camera). Neben dem proprietären Anschlusskabel besitzt die Kamera noch einen neuen HDMI (High Definition Multimedia Interface) Anschluss aus dem Consumer Electronic Bereich. Weder ist die HDMI Version (1.0 bis 1.3) ausgewiesen, noch ist das notwendige HDCP (High-bandwidth Digital Content Protection) verfügbar. Damit ist die hochauflösende Bildwiedergabe auf standardgerechten HDMI/HDCP Displays praktisch nicht möglich. Alternativ fehlt auch ein analoges HD Komponenten-Kabel im Lieferumfang.

Während der Codec neben analogen Standard-Video Ausgängen (Composite Video und S-Video) wenigstens auch einen digitalen schmalbandigen Single Link DVI-I (Digital Visual Interface - Integrated) Ausgang besitzt, liegt zur Installation nur ein analoges DVI-I/VGA Kabel bei. Dadurch wird die mögliche Bildqualität durch unnötige mehrfache Signalwandlung von Digital-zu-Analog und wieder zurück von Analog-zu-Digital für moderne digitale LCD-TFT oder Plasma Displays deutlich verschlechtert. Im Test wurde daher unser HD Display mit reinem digitalen DVI-DVI Kabel angeschlossen, was nicht im Lieferumfang enthalten ist.

Als nächster Überraschungseffekt stellte sich heraus, dass der eigentlich hochauflösende Modus HD 720p (720 Zeilen in progressiver Vollbild-Darstellung) standardmäßig abgeschaltet ist und nur konventionelle Video-Auflösung nutzbar war. Weder in den Einstell-Menüs noch in der Dokumentation gab es zur Umschaltung oder Aktivierung von HD Hinweise. Erst eine Anfrage an den Support lieferte Einstelloptionen über Telnet Befehle und Internet Verbindung.

Tandberg Edge 95 HD-Codec mit Anschlüssen
Tandberg Edge 95 HD-Codec mit Anschlüssen
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Test

Bedienung

Die Tandberg Menüs entsprechen weitgehend den früheren Tandberg Systemen. Ergänzungen gab es beispielsweise in der grafischen und animierten Darstellung von Audio Ein- und Ausgängen. Auf Anfrage zu nicht dokumentierten Merkmalen oder nicht freigeschalteten Spezifikationen erhielten wir notwendige Informationen zum Beispiel zu Telnet Einstellungen des Systems.

Nachdem die hochauflösende HD 720p Wiedergabe im Seitenverhältnis 16:9 aktiviert war, erfolgte eine Skalierung des unangepassten Tandberg Menüs über das Breitbild-Display mit 16:9 hinaus, so dass Menüeinstellungen außerhalb des sichtbaren Bildschirmes skaliert wurden. Eine korrekte Steuerung über die Fernbedienung ist damit nicht mehr gewährleistet.

Audio/Video

Die Tests mit anderen Endsystemen verliefen in guter Audio- und Videoqualität. Während die Sprachkommunikation auch sehr gute Qualität erreichte, blieb Video insbesondere mit dem Anspruch auf High Definition HD Qualität im Bild- Raster von 1280x720p@16:9 Bildpunkten hinter den Erwartungen zurück. Die HD Auflösung war standardmäßig abgeschaltet. Bei Aktivierung ändert sich sowohl der Farbraum als auch die Auflösung. Die Bildqualität und Detailauflösung wird im Eigenbild von HD gegenüber Standard Definition SD Video bei ausreichender Beleuchtung etwas besser.

Nach der Kompression, Dekompression und Interpolation bei der Wiedergabe bleibt davon beim Empfang auch bei maximal 1920 kbps aber nicht mehr HD Qualität übrig. In der Kommunikation mit anderen HD Videokonferenz- Systemen wie zum Beispiel LifeSize sinkt die Bildfrequenz außerdem auf nur 15 Bilder pro Sekunde (Frame per Second). Für flüssiges Video reicht das allerdings nicht aus.

Bild Seiten-Verhältnis, Skalierung, Darstellungen 16:9 und 4:3 (Aspect Ratio)

Mit dem HD Breitbild (Wide Screen) zieht auch das neue Seiten-Verhältnis Breite : Höhe @ 16:9 in die Video- Konferenztechnik ein. In gemischten Umgebungen wird die Bildqualität durch Skalierung, Interpolation und Verzerrung schlechter und unnatürlicher. Die Teilnehmer an Videokonferenzen werden nachteilig gestreckt, gestaucht oder abgeschnitten dargestellt. Diese visuellen Qualitätsverluste treten derzeit aber nicht nur bei Tandberg sondern auch bei anderen Systemen wie LifeSize in gemischten Umgebungen auf.

Durch die reduzierte Auflösung ist auch die Lesbarkeit von Texten in Präsentationen deutlich schlechter. Erstmals erfolgte in gemischten Konferenzen mit HD und konventionellen Systemen eine doppelte Einpassung mit dem Effekt, dass auf Breitbild-Displays an allen vier Seiten ein schwarzer Rand eingeblendet wird. Dieser Effekt entsteht offensichtlich dadurch, dass zunächst das gesendete Breitbild in 16:9 bei der Wiedergabe auf 4:3 gestaucht wird mit schwarzem Rand links und rechts. Danach wird im 4:3 Ausschnitt das Breitbild-Format eingepasst mit zusätzlichem schwarzen Rand oben und unten. So verbleiben vom ursprünglichen Bild mit 1280x720 Bildpunkten zunächst 960x720 und schließlich nur 960x540 Bildpunkte sichtbar. Das sind nur 56 % des verfügbaren Bildschirmes. Der umrandende Rest bleibt ungenutzt und schwarz.

H.264 Videokompression MPEG-4 / AVC

Das Advanced Video Coding H.264 / AVC ist bis zu einer Bandbreite von 1920 kbps möglich. Häufig wird dabei aber die Video-Auflösung bis auf das Format CIF mit 352x288 @4:3 oder w288p (Wide-CIF) mit 512x288 @16:9 Bildpunkten reduziert. Wenn die automatische Codec-Auswahl mit zu geringer Auflösung einherging, konnte man zum Beispiel den Video Codec H.264 abschalten und mit H.263 eine höhere Auflösung erzwingen.

H.239 für Präsentationen

H.239 war üblicherweise bis zur XGA Auflösung 1024x768 Bildpunkte in sehr guter Qualität möglich. Die effektive Freischaltung auf einen so genannten WXGA Modus mit wiederum eigenständigem und untypischem Seitenverhältnis 1280x768@15:9 gelang praktisch jedoch nicht. Auch die Einstellungen über das Telnet Protokoll zeigten hier keine Wirkung.

Kamerafernsteuerung

Die Kamerafernsteuerung war beim Vorhandensein der technischen Voraussetzungen an den Gegenstellen immer in beiden Richtungen möglich.

MCU - Multipoint Control Unit

Die Zusammenarbeit mit den MCUs innerhalb des Dienstes DFNVideoConference (Radvision MCU und Codian MCU sowie auch mit dem Rekorder Codian IP VCR 2220) funktionierte problemlos.

Gatekeeper

Die Zusammenarbeit mit den Gatekeepern GNU-GK 2.0.7 und CISCO MCM funktionierte problemlos.

Sonstiges

Das Design der Tandberg Edge Serie folgt der aktuellen Entwicklung zur Trennung von Kamera und Codec. Da die Bildschirme und Displays immer flacher werden und die Rechenanforderungen an den Codec mit zunehmender Auflösung immer größer werden, wird der Codec also nicht mehr als Setop-Box auf das Display gestellt. In senkrechter Ausrichtung steht er neben dem Bildschirm oder wird abgesetzt von der Kamera in einem separaten Regal untergebracht. Das Netzteil ist nicht eingebaut sondern ebenfalls extern. Erfreulicherweise wird es nicht überhitzt, was aber auch auf die begrenzte Rechenleistung des Codecs (HD 720p mit 15 fps) zurückzuführen ist.

Das Weitwinkel-Objektiv der HD-Kamera hat keinen konstruktiven Objektiv-Schutz oder eine Stoß-Kante. So können auf der empfindlichen Oberflächen-Vergütung der frei und ungeschützt hervortretenden Linse Schrammen und Kratzer entstehen. Auch ist die Kamera nicht ausreichend robust konstruiert und damit praktisch nicht transportsicher.

Beim Zoomen der Kamera entstehen gewöhnungsbedürftige Quietschgeräusche, die in kleinen Räumen die Videokonferenz stören. Die automatische Kamera-Fokussierung hatte durch die kleineren und lichtschwächeren HD Pixel mitunter Probleme, setzte manchmal erst langsam und sehr träge ein. Zur Unterstützung waren dann manuelles Zoomen oder Schwenken der Kamera notwendig, was aber die Videokonferenz beeinträchtigt.

Die Systeme der Tandberg Edge Serie 85 MXP und 75 MXP sind gegenüber der getesteten Edge 95 MXP laut Herstellerangaben nur mit deutlich geringeren Bandbreiten nutzbar.

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Fazit

Die Tandberg Edge 95 MXP HD ist nach dem Standard MPEG-4 (Part 10) AVC/H.264 noch nicht dem Baseline Profile mit Level 3.1 (AVC BP@L3.1) zuzuordnen, da die geforderten bis 30 Bilder pro Sekunde in der derzeitigen Leistungsfähigkeit noch nicht erreicht werden. Von der Tendenz her ist die Edge Serie von Tandberg auch eher rückwärtskompatibel zu klassischen Systemen wie Tandberg 990 MXP mit geringeren Anforderungen ausgelegt.

Es sind Optionen zum Seitenverhältnis (Aspect Ratio) notwendig. Bei unverzerrter besserer Video- und Bildqualität beispielsweise mit einem 4:3 Ausschnitt der HD Kamera kann das System oft auch effektiver mit konventionellen Systemen bei gleichzeitig besserer Schärfe und geringerem Objektiv-Randabfall zusammen arbeiten. Der XGA/WXGA Modus sollte bei 4:3 oder 16:9 verfügbar sein und nicht noch ein untypisches 15:9 einführen, während PC Präsentationen zu 16:10 tendieren.

In gemischten Umgebungen ist die Rückwärtskompatibilität auch zu Tandberg eigenen Systemen im Video-Bereich noch nicht optimal umgesetzt. Die Tandberg Edge 95 MXP HD hat das Potential, zu den anderen HD Videokonferenz- Systemen aufzuschließen. Für wirkliche HD-Herausforderungen sind aber noch weitere Verbesserungen notwendig.

Dokumentation

Hersteller: Tandberg    [ http://www.tandberg.com/ ]
Distributor: MVC    [ http://www.mvc.de/ ]

Unterstützte allg. Standards H.323 für IP Ruf, H.320 für ISDN zu IP Verbindung, SIP
Audiokomprimierung (G.711 (Telefon Qualität, 3,1 kHz, u-law, a-law, 64 kbps) ),
G.722 (7 kHz, 48 kbps, 56 kbps oder 64 kbps),
G.722.1 (7 kHz, komprimiert, 24 kbps, 32 kbps oder 48 kbps),
G.728 (Telefon Qualität, 3,1 kHz, 16kbps),
MPEG4 AAC-LD (Low Delay, 20 kHz, mono 64 kbps, stereo 128 kbps)
Videokomprimierung (H.261), H.263, H.263+, H.263++ (Natural Video), H.264,
manuelle Auswahl H.264 oder H.263 möglich,
gemischt Senden H.264 und Empfang H.263 möglich
Bildübertragung SIF 352x240, CIF 352x288, VGA 640x480, 4SIF 704x480,
4CIF 704x576 (H.261 Annex D), SVGA 800x600, XGA 1024x768
Datenkomprimierung H.239 sekundärer Medienkanal, Dual Stream, DuoVideo, verfügbar für H.323 und H.320
Audioeingänge 2 x Mikrofon, 24V Phantom Speisung, XLR Anschluss,
RCA/Phono, Leitungspegel: Auxiliary (oder VCR Stereo L),
RCA/Phono, Leitungspegel: VCR/DVD (Stereo R)
Audioausgänge RCA/Phono, S/PDIF (Mono / Stereo) oder Analoger Leitungspegel: Haupt-Audio
oder Analoges Stereo L, RCA/Phono, Leitungspegel: VCR oder Analoges Stereo R
Videoeingänge 9 Pin DSUB, proprietär für HD Hochauflösende Hauptkamera,
S-Video MiniDin für zusätzliche Aux / Dokumenten Kamera,
RCA/Phono, FBAS (Composite) für Dokumenten Kamera / Aux,
RCA/Phono, FBAS (Composite) für VCR
Videoausgänge S-Video MiniDin für Hauptmonitor,
RCA/Phono, FBAS (Composite) für Hauptmonitor oder VCR,
RCA/Phono, FBAS (Composite) für Zweit-/Dualmonitor oder VCR,
DVI-I bis XGA für Hauptmonitor oder Zweitmonitor
Dateneingang DVI-I (Digital Visual Interface - Integrated) Single Link,
Eingang für Präsentationen vom PC (XGA. XVGA)
Bandbreite IP bis 1920 kbps, ISDN bis 512 kbps

Wir danken den Firmen MVC und Tandberg für die Teststellung.

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